Wie sich eine Schule im ländlichen Raum behauptet

Schulen auf dem Land stehen vor vielen Problemen: Landflucht, schlechter Netzausbau und weite Wege machen viele Regionen für angehende Lehrkräfte unattraktiv. Besonders schwierig ist die Lage im nördlichen Sachsen-Anhalt. Wie es für Schulen trotzdem möglich ist, ein attraktives Konzept und ein lebendiges Schulklima zu entwickeln, zeigt das Beispiel der Jeetzeschule in Salzwedel.

Annette Kuhn / 24. Januar 2020 Das deutsche Schulportal

Wenn Carl Franke morgens pünktlich in der Schule sein will, müsste er den Bus um 6.20 Uhr nehmen. Der 18-Jährige, der die 13. Klasse der Jeetzeschule in Salzwedel besucht, wohnt 30 Kilometer entfernt. Mit dem Auto dauert das ohne Verkehr eine halbe Stunde, mit dem Schulbus braucht er etwa dreimal so lang, weil der Bus von Dorf zu Dorf fährt und weil Carl noch mal umsteigen muss. Vor 7 Uhr wäre er dann da – und stände vor verschlossenen Türen. Also steigt er in den nächsten Bus. So kommt er zwar ein paar Minuten zu spät zum Unterrichtsbeginn um 8.15 Uhr, aber das ist mit der Schule abgesprochen. Carl ist nicht der einzige Schüler, der so einen weiten Schulweg hat. Da ist viel Flexibilität gefragt.

Die Jeetzeschule, eine reformpädagogisch orientierte Gesamtschule in freier Trägerschaft, hat ein großes Einzugsgebiet. Etwa die Hälfte der 300 Schülerinnen und Schüler lebt in der Hansestadt mit rund 24.000 Einwohnern. Die andere Hälfte wohnt in einem Umkreis von 60 Kilometern, vor allem in Sachsen-Anhalt, aber auch im angrenzenden Niedersachsen.

Die Altmark in Sachsen-Anhalt leidet besonders unter Landflucht

Vor dem Mauerfall begann gleich hinter Salzwedel das Speergebiet. Die im Mittelalter reiche Hansestadt, die sich heute noch in der hübsch restaurierten Altstadt mit ihren vielen Fachwerkhäusern erahnen lässt, war ohne das niedersächsische Hinterland auf einmal im Abseits. Auch nach der Wende konnte die Stadt nicht mehr an die einstige Größe anknüpfen. Im Gegenteil. Die Altmark, der nördliche Teil Sachsen-Anhalts, leidet wie kaum eine andere Region unter Landflucht. In jedem Jahr verzeichnet sie einen neuen Einwohnerschwund.

Diese schwierigen Bedingungen haben Antje Pochte aber vor 15 Jahren nicht davon abgehalten, in Salzwedel eine Schule zu gründen. Die 50-Jährige kommt aus der Gegend, ist eigentlich Gymnasiallehrerin für Mathe, Physik und Informatik und hat zuletzt an einer berufsbildenden Schule gearbeitet. Als sie Mitte der 80er-Jahre mit der Schule fertig war, ging sie zum Studium nach Magdeburg und „wollte eigentlich nie in die Altmark zurück“. Ist sie dann aber doch, auch weil sie in ihrer Heimat etwas bewegen wollte. Ihre Kinder haben eine Montessori-Schule besucht. „Ich habe gesehen, dass es keine weiterführende Schule gibt, die dieses Konzept fortsetzt“, sagt Antje Pochte. Also hat sie selbst eine gegründet.

Nur die Jeetzeschule bietet in der Region alle Schulabschlüsse an

2001 war die Idee geboren, 2005 nahm die Jeetzeschule ihre ersten Schülerinnen und Schüler auf. Seitdem erlebt sie einen enormen Zulauf. Jedes Jahr gibt es fast doppelt so viele Bewerbungen wie Plätze. In der Sekundarstufe I ist die Schule zwei-, in der Oberstufe einzügig. Inzwischen lernen hier 300 Schülerinnen und Schüler – „damit ist die Obergrenze absolut erreicht“, sagt die Schulleiterin.

Dass die Schule so gefragt ist, liegt zum Beispiel an der Möglichkeit, hier alle Abschlüsse machen zu können. Das bietet keine andere Schule in Salzwedel. Und es liegt auch daran, dass die Abschlüsse an der Jeetzeschule nach der zehnten Klasse und beim Abitur besser ausfallen als im Durchschnitt des Altmarkkreises. Vor allem liegt es aber am besonderen Konzept.

Ich bin überzeugt, dass wir über herkömmlichen Unterricht keine Studierfähigkeit erreichen.

Antje Pochte, Gründerin und Leiterin der Jeetzeschule
Antje Pochte Gründerin und Leiterin der Jeetzeschule

Projekt- und Freiarbeit nehmen an der Schule viel Raum ein. Zu bestimmten Zeiten können Schülerinnen und Schüler selbst über Themen, mit denen sie sich beschäftigen wollen, und über ihren Lernweg bestimmen. Dazu gehört auch, dass sie sich selbst Ziele setzen. All das wird in einem persönlichen Logbuch festgehalten und von den Eltern regelmäßig gegengezeichnet.

Über die Projektarbeit haben die Kinder und Jugendlichen auch den Schulhof in Eigenarbeit gestaltet und betreiben eine Schulfarm am nahegelegenen Fluss Jeetze. „Ich bin überzeugt, dass wir über herkömmlichen Unterricht keine Studierfähigkeit erreichen“, erklärt Antje Pochte zum Hintergrund des Konzeptes. Und der stellvertretende Schulleiter Jens Winter ergänzt: „Über die Projektarbeit lernen die Kinder Methodenkompetenz, sie lernen zu zitieren, Fragen zu stellen, frei zu sprechen, Vorträge und Präsentationen zu erarbeiten. All das, was sie später einmal brauchen.“ Da bleibe viel mehr hängen als beim Frontalunterricht. Insbesondere während der Pubertät, wenn die Kinder stark mit sich selbst und eher weniger mit dem Unterrichtsstoff beschäftigt seien, zahle sich das aus, meint auch die Schulleiterin.

Zu den Angeboten der Jeetzeschule gehören Kooperationen mit Betrieben vor Ort

Auch Schülerin Sophie Kamper schätzt die Projektarbeit. „Ich finde es sehr gut, dass ich selbst entscheiden kann, was ich mache“, sagt die 19-Jährige, die kurz vor dem Abitur steht. Sie hat einen ähnlich langen Schulweg wie ihr Mitschüler Carl Franke, das hat sie jedoch nicht abgehalten, auf die Jeetzeschule zu wechseln. Bis zur neunten Klasse war sie auf einem Gymnasium, das näher am elterlichen Bauernhof lag, aber die Angebote und die Atmosphäre an der Jeetzeschule seien viel besser.

Zu den Angeboten der Schule gehören Kooperationen. Die Jeetzeschule arbeitet mit Betrieben vor Ort zusammen, in denen Schülerinnen und Schüler praktische Berufserfahrungen sammeln können. Und sie kooperiert mit einer anderen Gemeinschaftsschule in Salzwedel. Zum Beispiel haben sie einen gemeinsamen Nachhilfepool der Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschüler und führen zusammen Kunst- und Musikprojekte durch. So können beide Schulen ihr Unterrichtsangebot erweitern.

Lehrkräfte müssen mitentscheiden können und das Gefühl haben, dazuzugehören.

Antje Pochte, Gründerin und Leiterin der Jeetzeschule

Schulklima und Konzept allein reichen allerdings meist nicht, um auch Lehrkräfte in die Provinz nach Sachsen-Anhalt zu locken, räumt Schulleiterin Pochte ein. „Erste Bedingung ist: Wir dürfen nicht weniger zahlen als an öffentlichen Schulen.“ Und die zweite Bedingung: „Lehrkräfte müssen mitentscheiden können und das Gefühl haben, dazuzugehören.“ Darum gibt es für die einzelnen Jahrgänge feste Teams im Kollegium, die auch ein eigenes Teamzimmer haben. Und ja, noch etwas sei wichtig und gehöre zur Wertschätzung: eine gute Kaffeemaschine.

Holger Thiel nickt. Er ist Lehrer für Geschichte und Wirtschaft und ein Wiedereinsteiger. Nach der Wende, als immer mehr Schulen im Osten aufgrund der Abwanderung geschlossen wurden, hat er sich vom Lehramt verabschiedet und ist in den Journalismus gegangen. Doch als er von der Gründung der Schule hörte, war das für ihn der Anstoß, wieder ins Lehramt zu gehen. Bereut hat er die Rückkehr in den alten Beruf nicht, vor allem weil er die Lehrerrolle so viel interessanter als früher findet und weil er die Schülerinnen und Schüler mit der Projektarbeit viel leichter motivieren kann.

Die berufliche Perspektive für Lebenspartner der zugezogenen Lehrkräfte ist schwierig

Thiel wohnt in der Nähe von Salzwedel und stammt aus der Gegend, wie die meisten des 40-köpfigen Mitarbeiterteams der Schule. Viele sind irgendwann doch wieder in die Altmark zurückgekehrt. Aber es gibt auch Zugezogene oder Pendler aus anderen Regionen Sachsen-Anhalts oder aus dem benachbarten Niedersachsen – wie Jens Winter. „Während meines Referendariats in Niedersachsen habe ich von der Jeetzeschule gehört, fand das Konzept interessant und habe mich beworben.“

Bei der Bewerbung hat ihn Antje Pochte gefragt, was er denn außer seiner Lehrtätigkeit noch einbringen könne. Die Frage hat ihm gefallen: „Imkern, habe ich geantwortet, und nun haben wir auch Bienen an der Schule.“ Auch eine Kollegin aus Augsburg war an der Schule. Aber da die Familie in Augsburg blieb, war es irgendwann doch zu stressig mit der Pendelei. Und ganz den Lebensmittelpunkt nach Salzwedel zu verlegen, dazu konnte sie sich nicht durchringen.

Oft ist das schwierig, weil die Lebenspartnerin oder der Lebenspartner in der Altmark vielleicht keine berufliche Perspektive hat. Um daran etwas zu ändern, müssten sich die strukturellen Bedingungen ändern. „Ein großes Problem ist immer noch das Internet und der Mobilfunk, da sind wir abgehängt.“ Auch für die Jeetzeschule gibt es keine Glasfaserleitung, WLAN kann bislang nur die Oberstufe nutzen. Hier würde sich Antje Pochte mehr Bewegung wünschen – die Netzanbindung sei im Übrigen auch ein wichtiges Kriterium, um neue Kolleginnen und Kollegen von außerhalb zu gewinnen.

Hoffnung, dass ehemalige Schülerinnen und Schüler als Lehrkräfte zurück an die Jeetzeschule kommen

Denn auch wenn das Kollegium jetzt im Schnitt Anfang 40 und die Fluktuation gering sei – „in einigen Jahren gehen die ersten in Rente, dann müssen wir für junge Kollegen attraktiv bleiben“. Sie hofft, dass dann ehemalige Schülerinnen und Schüler als Lehrkräfte wieder zurück an die Schule kommen. Interessensbekundungen gebe es jedenfalls schon. Aus den ersten Abiturjahrgängen sind einige Lehramtsstudierende erwachsen, sie sind jetzt fast mit dem Studium fertig. Antje Pochte hofft darauf, dass es sie tatsächlich zurück in die Heimat, zurück an die Jeetzeschule zieht.

Die Jeetzeschule auf einen Blick

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