Schulentwicklung ist unsere Sache – professionelle Unterstützung bleibt notwendig!

Erklärung des Schulverbunds ‚Blick über den Zaun‘ am 11. Mai 2019 in Göttingen

Unsere Grundüberzeugung – wir stellen uns Herausforderungen
„Schule muss auch darin Vorbild sein, dass sie selbst mit dem gleichen Ernst lernt und an sich arbeitet, wie sie es den Kindern und Jugendlichen vermitteln will. Sie muss eine sich entwickelnde Institution sein und sich zugleich treu bleiben. Ihre Arbeit ist nie ‚fertig‘, weil sie auf sich wandelnde Bedingungen und Anforderungen jeweils neu antworten muss. Ihre Qualität bemisst sich insbesondere daran, was sie tut, um solche Antworten zu finden“ (BüZ-Standards).

Der globale gesellschaftliche, kulturelle, ökonomische und soziale Wandel fordert insbesondere Schulen heraus, Lernen anders zu denken und zu gestalten und gleichzeitig Kindern und Jugendlichen Sicherheit und Orientierung zu bieten. In diesem Spannungsfeld haben Schulen die Aufgabe, ihre Entwicklung selbst zu gestalten:

  • verantwortlich und partizipativ
  • innovativ und nachhaltig
  • eingebunden in Netzwerke
  • unterstützt von Politik und Gesellschaft.

Die Mitgliedsschulen des Schulverbunds ‚Blick über den Zaun‘ (BüZ) nehmen diese Verantwortung an, indem sie kontinuierlich an der Umsetzung der BüZ-Standards arbeiten.
Sie erklären am 10./11.5. in Göttingen:

Unsere Lern- und Beziehungskultur ermöglicht individuelles und gemeinsames Lernen
Die BüZ-Schulen stehen für eine Lernkultur, in der Schüler*innen die Möglichkeit haben, all ihre Potentiale zu entwickeln. Hier erhalten sie die Chance, sich zu erproben, eigene Interessen zu entwickeln, individuelle Lernwege zu gehen und ihre Ergebnisse reflektiert einzuschätzen. In der Lerngruppe unterstützen sie einander im Team, entscheiden gemeinsam und demokratisch; sie übernehmen Verantwortung für ihr eigenes Lernen und für das Lernen mit anderen. So erreichen sie Leistungen, auf die sie stolz sein können.

Pädagoginnen in BüZ-Schulen gestalten und leben eine professionelle Beziehungskultur. Sie trauen den Schülerinnen viel zu, entwickeln herausfordernde Lernformen und schulinterne Curricula für ihre jeweils besondere Schülerschaft. In vorbereiteten Lernumgebungen und anregungsreichen Räumen ermöglichen BüZ-Schulen den Schülerinnen ein eigenes Lerntempo, geben ihnen ein ermutigendes Feedback und gestalten eine lernfreundliche Rhythmisierung des Schulalltages. Im Mittelpunkt stehen das ganzheitliche Lernen, die Persönlichkeitsentwicklung und das Wohlergehen der Schülerinnen.

Schulentwicklung bedeutet: jede/r ist beteiligt und übernimmt Verantwortung
Jede Schule ist geprägt von ihrer eigenen Biografie und ihrer spezifischen sozialen und kulturellen Einbettung. Als lernendes System ist die Schule auf die Verständigung und demokratische Mitwirkung aller Beteiligten angewiesen. Das sind die Schülerinnen, die Eltern, die Pädagoginnen und alle anderen in Schule Tätigen sowie Kooperationspartner. In BüZ-Schulen klären sie gemeinsam, welche Ziele richtig und welche Maßnahmen sinnvoll und realisierbar sind. Die aus dem Leitbild abgeleiteten Entwicklungsschritte haben für alle Beteiligten eine hohe Verbindlichkeit nach innen und außen. Für die Kultur der Beteiligung und Verständigung sind verbindliche Arbeitsprozesse, verlässliche Zeitabläufe und eine transparente Kommunikation grundlegend. Hierfür achten wir auf den wertschätzenden Dialog aller.

Kooperation in Teams ist Voraussetzung für die Entwicklungsarbeit
In gemeinsamer Verantwortung durch multiprofessionelle Teams wird die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen begleitet. Gemeinsame Unterrichtsreflexion, gegenseitige Hospitationen und kollegiale Fallberatung sind Bestandteile des gemeinsamen Lernens, – gerade angesichts großer Heterogenität der Schülerinnenschaft. Die Schulleitungen von BüZ -Schulen unterstützen diese Prozesse durch das Gestalten von Arbeits- und Zeitstrukturen, eine ressourcenorientierte Personalentwicklung, durch nachhaltige Fortbildungsplanung sowie eine lebendige Kooperation mit außerschulischen Partnerinnen.

Umfassende Evaluation ist selbstverständlicher Teil der Schulkultur
Die BüZ-Schulen überprüfen regelmäßig den Erfolg ihrer Arbeit und klären dabei, ob und wie verabredete Ziele erreicht und Maßnahmen wirksam wurden. Sie nutzen die Beobachtung und Erfahrung aller Beteiligten in Form von Befragungen und Feedbackverfahren. Durch Peer-Reviews im Rahmen der Arbeitskreise reflektieren und prüfen BüZ-Schulen ihre Orientierung an den Standards. Gegebenenfalls nehmen sie externe Unterstützung wie wissenschaftliche Untersuchungen oder auch kompetenzorientierte Testverfahren in Anspruch, die eine faire und differenzierte Rückmeldung geben. Auch für die Überprüfung des Erfolgs der Arbeit gilt: Verfahren und Ziele werden vorher kommuniziert, von allen getragen und dienen der Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit. So wird die Evaluation Teil der Schulkultur.

Aktuelle Entwicklungen stellen Schulen vor immer neue Herausforderungen
Wir wissen, dass es für schulische Entwicklungsprozesse nicht die eine Lösung geben kann. Für das schulische Geschehen ist prägend, dass es sich in immer neuen Spannungsfeldern entwickelt: Wie gestalten wir Kontinuität und Innovation im Generationenwechsel? Kinder und Jugendliche lernen im eigenen Tempo – wie passt das zu von außen gesetzten Qualitätsstandards, Tests und Prüfungen? Das Lernen mit digitalen Medien kann individuelle Zugänge erleichtern – wie passt das zum Lernen durch Erfahrung? Spannungsfelder bieten Konfliktstoff und erzeugen Energie. Dabei müssen wir kluge und innovative Lösungen finden, die von Schule zu Schule unterschiedlich sein können. In Netzwerken tau-schen sich BüZ-Schulen darüber aus und lernen voneinander.

Schulen brauchen veränderte Rahmenbedingungen und ausreichende Ressourcen
Themen wie Ganztagsschule, Inklusion, Zuwanderung und der digitale Wandel der Gesellschaft haben Konsequenzen für die Rahmenbedingungen für gute Schule. Sie braucht:

  • Raumkonzepte für eine Schule, die Lern- und Lebensraum ist für Kinder, Jugendliche und Er-wachsene,
  • Lernmaterialien und Medien, die individualisierte und gemeinsame Zugänge zu Themen und Fragestellungen ermöglichen,
  • multiprofessionelles Personal, um in Teams Schülerinnen in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu fördern,
  • zeitliche Regelungen, die Beratung von Schülerinnen und Eltern, Teamarbeit und Schulent-wicklungsaktivitäten als Teil der Arbeitszeit bewerten,
  • professionelle Unterstützung (Fortbildung, externe Experten, Beratung, Supervision).

Schulträger, Ministerien und Landesinstitute sind hier gefragt, gemeinsam mit Schulen adressatengerechte und tragfähige Lösungen zu finden.

Entwicklung benötigt Dialog und Gestaltungsfreiheit
Schulen brauchen Gestaltungsfreiräume, um den Wandel zu reflektieren, Innovationen eigenverantwortlich zu erproben und neue Lösungen zu implementieren. Von der Politik und der Administration erwarten wir, dass sie die Arbeit innovativer Schulen würdigt, im Dialog mit den Schulen handelt und mit ihren Entscheidungen Raum lässt für flexible Gestaltungsmöglichkeiten. Gleichzeitig fordern Schu-len zu Recht Rückendeckung und Verlässlichkeit seitens der Bildungspolitik sowie ausreichende Ressourcen für die pädagogische Arbeit. Kurzatmige politische Entscheidungen und Eingriffe von außen ohne vorangegangenen Dialog gefährden den Erfolg langfristig angelegter schulischer Entwicklungsprozesse und beeinträchtigen die Motivation der Beteiligten.

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Blick über den Zaun  . . . ist ein Verbund reformpädagogisch orientierter Schulen, der seit 1989 besteht, um Schulentwicklung „von unten" zu betreiben. Ziel des ‚Blick über den Zaun' ist es, durch regelmäßigewechselseitige Besuche („peer reviews"), durch Tagungen und das Anwerben weiterer Schulen dazu beizutragen, dass Schulen im direkten Erfahrungsaustausch voneinander lernen: einander anregen, ermutigen, unterstützen. Grundlage der gemeinsamen Arbeit sind das Leitbild sowie dieStandards, die auf den nebenstehenden Grundüberzeugungen aufbauen.

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